DAS KÖNIGLICHE ARCHIV

Haus Castillon

Chronik wird vorbereitet...
Wappen Haus Castillon
DIE ARCHIVE
HAUS CASTILLON
Sir Elric Rowan
Bildnis Sir Elric Rowans, Haus Castillon
— restauriert aus den Archiven —
Digitales Archiv des Hauses Castillon

Sir Elric Rowan

Ritter, Diener der Krone, Sohn des Hauses Rowan

In diesen Hallen ruht die Chronik eines Mannes, dessen Klinge dem Königreich diente und dessen Name in den Wappenbüchern von Castillon verewigt wurde. Tretet ein, und lest, was die Zeit bewahrt hat.

Wappen Haus Castillon
Die Chronik lesen
Erstes Blatt

Die Chronik

In welcher der Ursprung dieses Archivs erzählt wird.

Was Ihr hier betretet, ist keine bloße Sammlung von Namen und Daten. Es ist das gesammelte Gedächtnis eines Hauses, das seit Generationen über die westlichen Marken wacht. Jede Seite dieses Archivs wurde von Hand geführt, jede Zeile mit Bedacht gewählt.

Die Chronik des Hauses Castillon beginnt nicht mit einem Sieg, sondern mit einem Eid — geschworen in einer Kapelle aus grauem Stein, bei Kerzenlicht, in Gegenwart dreier Zeugen, deren Namen die Zeit verschluckt hat.

Sir Elric Rowan ist der jüngste, dessen Taten in diesen Bänden verzeichnet wurden. Seine Geschichte beginnt in den folgenden Kapiteln.

Kapitel II

Die Chronik des Hauses Rowan

„Standhaft im Sturm. Wahr im Eid."
Die Ursprünge

Nicht jedes Adelshaus wurde aus einer großen Schlacht geboren. Manche entstanden dort, wo andere nie hinsehen wollten.

Die ersten Aufzeichnungen über Haus Rowan reichen mehr als drei Jahrhunderte zurück. Damals war der Westen des Reiches kaum mehr als ein Flickenteppich aus Mooren, dichten Wäldern und schmalen Handelswegen. Räuberbanden beherrschten die Straßen, Kaufleute reisten nur in großen Gruppen, und kaum ein Fürst interessierte sich für die abgelegenen Grenzlande.

Ein Ritter namens Alaric Rowan erhielt damals den Auftrag, einen alten Wachturm samt umliegendem Land zu sichern. Was zunächst wie eine unbedeutende Aufgabe erschien, wurde zum Fundament eines Hauses.

Wo andere Burgen errichteten, ließ Alaric Straßen ausbessern. Wo andere Mauern bauten, errichtete er Herbergen. Wo andere Zölle erhöhten, sorgte er dafür, dass Händler überhaupt den Mut fanden, seine Ländereien zu durchqueren.

Mit jedem Wagen wuchs sein Einfluss. Nicht durch Kriege. Sondern durch Handel.

Der Goldene Handel

Mit den Jahren entwickelte sich aus einem Grenzlehen ein bedeutender Handelsplatz. Kaufleute aus allen Teilen des Reiches machten Halt auf den Ländereien der Rowans. Schmiede, Brauer, Fuhrleute und Wirte siedelten sich an.

Während andere Häuser ihren Ruhm auf Turnieren oder Schlachtfeldern suchten, lernte Haus Rowan früh eine andere Wahrheit:

Wer die Wege kontrolliert, bestimmt den Fluss des Goldes.

Diese Erkenntnis machte das Haus wohlhabend — und angreifbar.

Der Schatten über dem Namen

Mit wachsendem Reichtum kamen neue Geschäfte. Nicht alle davon waren ehrenhaft.

Die Chroniken verschweigen manches. Andere Einträge wurden bewusst geschwärzt. Doch unter Gelehrten und alten Händlern hält sich bis heute das Gerücht, dass einige Lords des Hauses Rowan ihren Wohlstand nicht allein ehrlicher Arbeit verdankten.

In den Grenzstädten entstanden Lusthäuser unter ihrem Schutz. Schulden wurden gekauft und weiterverkauft. Gefangene aus fernen Kriegen verschwanden in den Büchern der Kaufleute und tauchten als Arbeitskräfte auf den Gütern wohlhabender Herren wieder auf.

Niemand konnte es je zweifelsfrei beweisen. Niemand konnte es je vollständig widerlegen. Bis heute begleitet dieser Schatten den Namen Rowan.

Manche nennen sie kluge Geschäftsleute. Andere nennen sie Heuchler. Die Wahrheit liegt längst begraben — irgendwo zwischen den vergilbten Seiten alter Handelsbücher.

Der Fall

Kein Haus wächst ewig. Ein besonders harter Winter zerstörte Ernten. Eine Seuche raffte Vieh und Menschen dahin. Handelswege wurden verlegt. Neue Häfen entstanden. Die Einnahmen versiegten.

Binnen weniger Jahrzehnte verlor Haus Rowan fast alles, was Generationen aufgebaut hatten. Ländereien wurden verkauft. Burgen verfielen. Verbündete wandten sich neuen Herren zu.

Am Ende blieb nur noch die Stammburg, einige Höfe und der Familienname. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten musste ein Rowan wieder lernen, mit wenig auszukommen.

Das Erbe

Viele Nachkommen verließen ihre Heimat. Nicht aus Scham. Sondern aus Pflicht. Sie dienten anderen Häusern — als Offiziere, Ritter, Verwalter, Diplomaten.

Sie trugen den Namen Rowan in fremde Hallen, immer mit der Hoffnung, eines Tages etwas zurückzubringen, das größer war als Gold: Ansehen.

Haus Rowan heute

Heute besitzt Haus Rowan weder große Armeen noch weitreichenden Einfluss. Es führt keine Kriege. Es fordert keine Kronen. Es wacht über das Wenige, das geblieben ist.

Eine alte Burg. Ein kleiner Landstrich. Eine Handvoll Familien. Und einen Namen, der noch immer Gewicht besitzt — auch wenn manche ihn mit Bewunderung und andere mit Misstrauen aussprechen.

Das Wappen
Wappen Haus Rowan

Ein silberner Hirsch auf tiefgrünem Schild. Der Hirsch steht nicht für Stärke. Er steht für Ausdauer. Er flieht nicht vor jedem Sturm. Er überlebt ihn.

Unter dem Wappen findet sich seit Generationen derselbe Wahlspruch: „Standhaft im Sturm. Wahr im Eid." Nicht weil jeder Rowan diesen Grundsätzen immer gerecht wurde. Sondern weil jede Generation aufs Neue versuchen musste, ihnen gerecht zu werden.

Elric Rowan

Elric wurde als zweiter Sohn geboren. Schon früh wusste er, dass die Burg seines Vaters niemals ihm gehören würde. Während sein älterer Bruder auf die Verwaltung des verbliebenen Besitzes vorbereitet wurde, lernte Elric den Umgang mit Schwert, Schild und Pferd.

Sein Vater sagte ihm einst:

„Ländereien kann man verlieren. Gold kann man stehlen. Einen guten Namen verliert man nur selbst."

Dieser Satz verließ ihn nie.

Warum Castillon?

Als Elric das Elternhaus verließ, führten ihn viele Wege. Manche Herren boten Ruhm. Andere boten Land. Haus Castillon bot Verantwortung.

Elric erkannte schnell, dass Macht nicht nur auf dem Schlachtfeld entsteht. Sie entsteht dort, wo Verträge geschlossen werden. Wo Märkte wachsen. Wo Entscheidungen fallen, lange bevor Schwerter gezogen werden.

Lord Adrian verstand es, Menschen für sich zu gewinnen. Lady Daelena verstand es, ihre Absichten hinter einem Lächeln zu verbergen. Elric sah in beiden etwas, das seinem eigenen Haus einst gefehlt hatte: Beständigkeit.

Er schwor seinen Eid nicht aus Berechnung. Sondern aus Überzeugung. Denn wenn Haus Rowan eines Tages wieder Ansehen gewinnen sollte, dann nicht durch alte Geschichten. Sondern durch Männer und Frauen, die ihren Namen mit Ehre trugen.

Letzter Eintrag der Chronik
„Man erzählt sich viele Geschichten über Haus Rowan. Einige sind wahr. Andere wurden mit jedem Erzähler größer. Doch eines blieb stets gleich: Kein Rowan konnte sich aussuchen, welchen Namen er trug. Nur, was er daraus machte."
Kapitel III

Sir Elric Rowan

„Nicht jeder Ritter wird geboren, um Geschichte zu schreiben. Manche werden geboren, um dafür zu sorgen, dass andere sie überleben."
Der zweite Sohn

Im Winter des Jahres 1203 wurde Elric Rowan als zweiter Sohn von Lord Aldren Rowan und Lady Elyse Rowan geboren. Der Burghof lag unter Schnee, als die Glocke der kleinen Kapelle zum ersten Mal für ihn läutete.

Für seinen älteren Bruder war bereits entschieden worden, dass er eines Tages das Haus führen würde. Für Elric gab es keinen vorgesehenen Platz. Vielleicht war genau das sein größter Vorteil. Niemand erwartete Großes. Niemand beobachtete jeden seiner Schritte.

Während sein Bruder zwischen Ratskammern und Schreibstuben aufwuchs, verbrachte Elric seine Tage in den Stallungen, auf den Übungsplätzen und zwischen den einfachen Soldaten der Garnison. Er lernte früh, dass Respekt nicht vererbt wird. Er muss verdient werden.

Die Lektion seines Vaters

Lord Aldren war kein Mann großer Reden. Als Elric zwölf Winter zählte, begleitete er seinen Vater zum Grab eines alten Waffenbruders. Auf dem Rückweg fragte der Junge: „Vater... woran erkennt man einen guten Ritter?"

Aldren antwortete erst, als sie die Burg wieder erreichten. Er legte seine Hand auf Elrics Schulter.

„An dem Mann, der hinter ihm nach Hause kommt."

Es war der längste Satz, den Elric ihn je hatte sprechen hören. Er vergaß ihn nie.

Die Ausbildung

Mit vierzehn begann seine Ausbildung unter Ser Garrick Vayne. Ein Veteran mit ergrautem Haar, schiefer Nase und unendlicher Geduld. Vayne brachte ihm nicht nur den Umgang mit Schwert und Schild bei. Er brachte ihm bei, wie man Niederlagen trägt.

Jeder Schlag. Jeder Sturz. Jede Demütigung. Sollte ihn lehren, niemals leichtfertig auf den Sieg zu vertrauen.

„Der Kampf endet nicht, wenn dein Gegner fällt. Er endet, wenn alle nach Hause zurückkehren."
Der Fluch der Sinne

Schon als Kind bemerkte Elric Dinge, die anderen verborgen blieben. Er konnte den Regen riechen, bevor Wolken aufzogen. Er erkannte einen kranken Stall lange bevor Tiere erste Symptome zeigten.

Mit den Jahren wurde daraus eine Last. Verwesung. Schweiß. Blut. Schimmel. Faulendes Wasser. Jeder Geruch traf ihn mit einer Intensität, die kaum jemand nachvollziehen konnte.

Auf Schlachtfeldern zwang ihn sein eiserner Wille dazu, weiterzugehen. Nicht selten musste er den Helm kurz absetzen, um wieder Luft zu bekommen. Niemand außer seinem Vater wusste je davon. Bis heute spricht Elric nicht darüber.

Der Schatten des Herzens

Viele Ritter verlieren ihr Herz an Ruhm. Elric verlor seines an Menschen. Nicht oft. Aber ehrlich.

Er fühlte sich von klugen Frauen angezogen — Frauen, die Widerspruch wagten, Fragen stellten und ihren eigenen Platz behaupteten. Mehr als einmal verließ er einen Hof mit einem Lächeln und einem Brief, der nie beantwortet wurde.

Er betrachtet dies nicht als Schwäche. Doch er weiß, dass Gefühle Entscheidungen trüben können. Darum hat er gelernt, Pflicht über Sehnsucht zu stellen. Nicht immer fällt ihm das leicht.

Die Ritterweihe

Mit zweiundzwanzig Wintern wurde Elric zum Ritter geschlagen. Keine Fanfaren. Kein großes Turnier. Nur eine kleine Kapelle. Ein Altar. Sein Vater. Ser Garrick. Und der alte Priester.

Als das Schwert seine Schultern berührte, sprach der Priester:

„Möge dein Name niemals schwerer wiegen als dein Gewissen."

Diese Worte begleiten ihn bis heute.

Der Eid an Haus Castillon

Viele fragten ihn später, weshalb ein Rowan ausgerechnet Haus Castillon dienen wollte — ein Haus, dessen Einfluss auf Gold beruhte, nicht auf alten Heldensagen. Elrics Antwort lautete stets dieselbe:

„Ein Mann erkennt den Wert eines Hauses nicht daran, wie laut es von seiner Ehre spricht. Sondern daran, wie viele Menschen bereit sind, ihm freiwillig zu dienen."

In Güldenhof fand er Ordnung. Disziplin. Klare Führung. Lord Adrian verstand es, Menschen an sich zu binden. Lady Daelena verstand es, ihre Feinde denken zu lassen, sie hätten bereits gewonnen. Elric entschied sich nicht für Reichtum. Er entschied sich für Stabilität.

Der Gardist

Heute trägt Elric die Farben Castillons nicht als Schmuck. Sondern als Versprechen. Er bewacht nicht nur Tore. Nicht nur Mauern. Er bewacht den Frieden, den andere mit Intrigen gefährden.

Ein Gardist ist kein Held. Ein Gardist ist der Mann, der noch steht, wenn die Feier endet und der letzte Gast gegangen ist.

Auszug aus dem Tagebuch
Sir Elric Rowan, persönliche Aufzeichnungen
„Es gibt Männer, die glauben, ein Schwert mache sie zu Rittern. Andere glauben, ein Titel genüge. Ich habe beides gesehen. Und beides scheiterte. Ein Ritter erkennt man erst dann, wenn niemand mehr zusieht."
Der letzte Satz
„Sollte mein Name eines Tages vergessen werden, so hoffe ich nur, dass man sich an den Frieden erinnert, den wir bewahrt haben."
— Sir Elric Rowan, Gardist des Hauses Castillon
Kapitel IV

Die Dienstjahre

„Ein Eid wird nicht gesprochen, um gehört zu werden. Er wird getragen, wenn niemand mehr zuhört."
1203

Geburt als zweiter Sohn von Lord Aldren und Lady Elyse Rowan, in der Stammburg des Hauses Rowan.

Mit 14 Jahren

Beginn der Ausbildung unter Ser Garrick Vayne, Veteran und Waffenlehrer der Familie.

Mit 22 Jahren

Ritterschlag in der Kapelle der Stammburg, im Beisein seines Vaters und Ser Garricks.

Danach

Eid auf Haus Castillon in Güldenhof; Aufnahme in den Dienst von Lord Adrian und Lady Daelena.

Heute

Gardist des Hauses Castillon — wacht über den Frieden hinter dessen Toren und Mauern.

Das erste Jahr in Güldenhof

Als Elric Rowan zum ersten Mal die Tore von Güldenhof durchschritt, erwartete er eine Festung. Er erwartete Mauern. Wachen. Schwerter. Doch was er fand, war etwas anderes.

Güldenhof war keine Burg, die durch Angst regierte. Es war ein lebendiger Organismus. Händler eilten durch die Straßen. Schreiber trugen Kisten voller Verträge. Kaufleute stritten über Preise. Boten aus fernen Ländern brachten Nachrichten über Kriege, Bündnisse und neue Handelswege.

Zum ersten Mal verstand Elric, weshalb Haus Castillon so mächtig war. Nicht wegen seiner Soldaten. Nicht wegen seiner Burgen. Sondern weil jeder Weg irgendwann zu ihnen führte.

Ein alter Verwalter sagte ihm bei seiner Ankunft:

„Junge Ritter glauben, Macht sitzt auf einem Thron. Die meisten merken erst zu spät, dass sie längst an einem Schreibtisch sitzt."

Diese Worte blieben ihm im Gedächtnis.

Der Mann hinter dem Gold

Viele erwarteten, dass Elric Schwierigkeiten mit Lord Adrian Castillon haben würde — ein Ritter aus einem verarmten Haus, ein Mann der alten Werte, im Dienst einer Familie, deren Einfluss auf Münzen und Verträgen beruhte. Doch Adrian überraschte ihn.

Lord Adrian war kein kalter Händler. Er war ein Mann, der Menschen verstand. Er konnte einen Raum betreten und innerhalb weniger Minuten wissen, wer ihn bewunderte, wer ihn beneidete und wer ihn belog. Elric erkannte schnell: Adrian gewann keine Menschen durch Befehle. Er gewann sie durch Vertrauen — eine Eigenschaft, die Elric selbst niemals vollständig besitzen würde.

Während Adrian sprach, beobachtete Elric. Während Adrian Türen öffnete, sorgte Elric dafür, dass niemand durch sie eindrang. Zwei verschiedene Männer. Zwei verschiedene Wege. Doch dasselbe Ziel.

Die Schatten von Lady Daelena

Wenn Lord Adrian das Gesicht Castillons war, dann war Lady Daelena sein Verstand. Viele am Hof unterschätzten sie — ein Fehler, den Elric niemals machte.

Er erinnerte sich an seinen ersten Bericht über eine mögliche Bedrohung für Güldenhof. Er hatte mehrere Tage Informationen gesammelt und legte seine Einschätzung vor. Lady Daelena las den Bericht. Dann stellte sie nur eine Frage:

„Warum möchte dieser Mann, dass ihr glaubt, er wäre euer Feind?"

Elric schwieg. Er hatte den Mann beobachtet. Sie hatte die Absicht dahinter gesehen. In diesem Moment verstand er den Unterschied zwischen einem guten Kämpfer und einem wahren Strategen. Ein Schwert kann einen Gegner besiegen. Verstand verhindert, dass der Kampf überhaupt beginnt.

Der Gardist von Castillon

Elric wurde nicht wegen seines Namens Gardist. Nicht wegen seiner Herkunft. Und nicht wegen politischer Verbindungen. Er wurde gewählt, weil er eine Eigenschaft besaß, die selten geworden war: Er blieb.

Viele Männer wollten die Nähe zur Macht. Viele Ritter suchten Ruhm. Elric wollte sicherstellen, dass andere ihre Geschichten überhaupt erleben konnten. Seine Aufgaben waren unspektakulär: Er überprüfte die Wachen, begleitete wichtige Gäste, überwachte Reisen, sicherte Handelskarawanen. Er stand nachts vor Türen, hinter denen wichtige Entscheidungen getroffen wurden. Und während andere schliefen, blieb er wach.

Die Karawane von Westerfeld

Seine erste wirkliche Prüfung im Dienst Castillons kam nicht auf einem Schlachtfeld. Sondern auf einer Handelsstraße. Eine Karawane mit seltenen Gewürzen, Stoffen und Handelsbriefen sollte nach Güldenhof zurückkehren — ein Auftrag, der zunächst einfach erschien.

Doch wenige Meilen vor der Stadt wurde die Gruppe angegriffen. Nicht von gewöhnlichen Räubern. Die Angreifer kannten die Route, die Anzahl der Wachen, welche Wagen wertvolle Fracht trugen. Elric erkannte: Dies war kein Überfall. Es war geplant.

Statt die Angreifer sofort zu verfolgen, ließ er die Karawane sichern. Einige seiner Männer hielten dies für Feigheit. Doch Elric wusste: Ein Ritter, der blind seinem Zorn folgt, schützt niemanden.

Drei Tage später führte seine Spur zu einem Händler, der selbst Teil des Handelsnetzes von Castillon gewesen war — ein Mann, der glaubte, Gold könne jede Schuld bezahlen. Er hatte vergessen: Gold besitzt nur Macht, solange jemand seine Regeln schützt.

Der Preis der Pflicht

Der Vorfall machte Elric bekannt. Nicht als Held. Nicht als großer Krieger. Sondern als jemand, der Entscheidungen traf. Doch Ruhm brachte auch Erwartungen. Und Erwartungen brachten Last.

Denn Elric begann zu erkennen: Je näher man der Macht kommt, desto weniger Menschen zeigen ihr wahres Gesicht. Freundschaften wurden komplizierter. Gespräche vorsichtiger. Ein Kompliment konnte eine Falle sein. Ein Geschenk konnte eine Forderung enthalten. Ein Lächeln konnte eine Drohung verbergen.

Güldenhof lehrte ihn etwas, das sein Vater nie gekonnt hätte: Im Krieg kämpft man gegen Feinde. Am Hof kämpft man gegen Unsicherheit.

Die Frau aus dem Garten

Unter all den Geheimnissen und Pflichten gab es etwas, das Elric nie vollständig kontrollieren konnte. Sein Herz.

Es geschah während eines Frühlingsfestes in Güldenhof. Eine junge Adlige aus einer befreundeten Familie sprach ihn an — nicht wegen seiner Rüstung, nicht wegen seines Titels, sondern weil sie bemerkte, dass er während des Festes lieber die Menschen beobachtete als im Mittelpunkt zu stehen.

Sie fragte: „Sir Rowan, bewachen Sie immer nur Türen?" Elric antwortete: „Meistens." Sie lächelte. „Dann müssen Sie viele interessante Dinge sehen, die andere verpassen." Es war eines der wenigen Male, dass Elric nicht sofort eine Antwort fand.

Sie verbrachten einige Wochen miteinander. Keine große Romanze. Keine verbotene Liebe. Nur zwei Menschen, die für kurze Zeit vergaßen, welche Rollen sie spielen mussten. Doch am Ende trennten sich ihre Wege. Denn Elric hatte einen Eid. Und sie hatte eine Zukunft, die nicht an einen Gardisten gebunden sein sollte. Bis heute bewahrt er ihren letzten Brief. Nicht aus Hoffnung. Sondern aus Erinnerung.

Der Geruch der Wahrheit

Mit den Jahren lernte Elric, seine ungewöhnliche Schwäche zu verstecken. Seine empfindlichen Sinne blieben jedoch ein ständiger Kampf. Bei Festmahlen musste er oft gegen seinen eigenen Körper ankämpfen: zu starke Parfüms, verdorbene Speisen, schmutzige Kleidung, der Geruch überfüllter Hallen. Manchmal bemerkten andere sein kurzes Zögern. Doch niemand wusste warum.

Ein alter Soldat sagte einmal: „Ihr habt eine seltsame Gabe, Ser Rowan. Ihr bemerkt Dinge, bevor sie passieren." Elric antwortete: „Manchmal wäre es einfacher, sie nicht zu bemerken."

Der Mann, der er wurde

Heute ist Sir Elric Rowan weder der große Held aus alten Liedern noch der mächtige Lord, den Barden besingen. Er besitzt kein riesiges Land. Keine Armee. Keine Reichtümer. Doch er besitzt etwas, das Haus Rowan immer bewahren wollte: seinen Namen.

Unter den Dienern Castillons gilt er als zuverlässig. Unter den Soldaten als fair. Unter den Höflingen als schwer einzuschätzen. Denn niemand weiß genau, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.

Archivmeister Corvin Hale, Güldenhof
„Sir Elric Rowan ist kein Mann, der nach Ruhm sucht. Das macht ihn gefährlicher als jene, die danach verlangen. Denn ein Mann ohne Hunger nach Anerkennung kann Entscheidungen treffen, die andere nicht wagen."
„Haus Rowan verlor seine Ländereien. Es verlor seinen Reichtum. Es verlor seinen Einfluss. Doch manchmal verliert ein Haus alles, nur um herauszufinden, was niemals verloren gehen durfte. Ein Name. Ein Eid. Eine Pflicht."
— Aus den versiegelten Chroniken von Haus Castillon
Charakter

Tugenden

„An dem Mann, der hinter ihm nach Hause kommt."

Standhaftigkeit

Wurde nicht für einen Sieg gerühmt, sondern dafür, dass er niemals leichtfertig auf ihn vertraute.

Pflichtbewusstsein

Stellt Pflicht über Sehnsucht — auch wenn ihm das nicht immer leichtfällt.

Wahrnehmungsgabe

Bemerkt Gefahr und Krankheit oft, bevor andere sie überhaupt ahnen.

Beständigkeit

Wählte Stabilität statt Reichtum — und diente aus Überzeugung, nicht aus Berechnung.

Schatten

Schwächen

Auch ein Chronist muss die dunkleren Seiten festhalten.

Der Fluch der Sinne

Verwesung, Blut, Schimmel — jeder Geruch trifft ihn mit einer Wucht, die er verbirgt und allein trägt.

Verschlossenheit

Spricht bis heute mit niemandem über die Last seiner Sinne — nicht einmal mit Waffenbrüdern.

Das unbeantwortete Herz

Verließ mehr als einen Hof mit einem Brief, der nie beantwortet wurde.

Der Schatten des Namens

Trägt die Last eines Familiennamens, dem bis heute Misstrauen ebenso folgt wie Bewunderung.

Kapitel V

Die Briefe aus Güldenhof

„Ein gesprochenes Wort verschwindet mit dem Wind. Ein geschriebener Eid bleibt länger als der Mann, der ihn schrieb."

Tief unter den Hallen von Güldenhof, dort wo die ältesten Verträge des Hauses Castillon aufbewahrt werden, liegt ein Raum, den nur wenige betreten: die Kammer der versiegelten Worte. Hier liegen keine Handelsbücher, keine Steuerlisten — sondern private Briefe, persönliche Aufzeichnungen, Geständnisse, Warnungen, Erinnerungen. Man sagt, ein Mensch zeigt sein wahres Gesicht nicht vor einer Menge, sondern auf einem Stück Papier, das niemand lesen sollte.

Der Brief seines Vaters
Siegel: ein silberner Hirsch auf grünem Wachs — Burg Rowan, Elrics erstes Jahr bei Castillon
„Mein Sohn, als du diese Zeilen liest, wirst du vermutlich weit entfernt von den Mauern stehen, die dich großgezogen haben. Vielleicht fragst du dich, ob du das Haus Rowan verlassen hast. Das hast du nicht. Ein Haus besteht nicht aus Steinen, nicht aus Feldern, nicht aus Gold. Ein Haus besteht aus jenen Menschen, die seinen Namen tragen.

Viele werden dir sagen, dass wir gefallen sind. Sie werden auf unsere kleinen Ländereien zeigen, auf unsere leeren Schatzkammern, auf unsere verlorenen Handelswege. Lass sie. Denn sie verstehen nicht, was dein Großvater verstand: Ein Mann ohne Gold kann wieder reich werden. Ein Mann ohne Ehre bleibt arm, selbst wenn seine Hallen voller Münzen sind.

Trage unseren Namen nicht wie eine Krone. Trage ihn wie ein Versprechen.
Dein Vater, Aldren Rowan"

Elric bewahrte diesen Brief nicht in einer Truhe, nicht in seinem Zimmer. Er trug ihn immer bei sich — gefaltet, abgenutzt, mit den Spuren vieler Jahre.

Der Brief von Lord Adrian Castillon
Siegel: ein goldener Löwe auf schwarzem Wachs — Güldenhof, vertraulich
„Sir Elric Rowan, manche Männer kommen nach Güldenhof, weil sie etwas gewinnen möchten. Titel. Einfluss. Reichtum. Andere kommen, weil sie etwas verloren haben. Bei Euch war ich mir lange nicht sicher, zu welcher Sorte Ihr gehört. Nach den vergangenen Monaten habe ich meine Antwort gefunden: Ihr seid nicht hier, um etwas zu nehmen. Ihr seid hier, um etwas zu bewahren. Das ist eine seltene Eigenschaft.

Haus Castillon besitzt viele Männer mit Talent, mit Ehrgeiz, mit Schwertern. Aber wenige besitzen die Fähigkeit, stehen zu bleiben, wenn niemand zusieht. Deshalb trage ich Euch nicht nur als Gardisten ein. Sondern als jemanden, dem ich vertraue.

Möge Euer Eid niemals leichter sein als Euer Gewissen.
Adrian Castillon"

Dieser Brief wurde nie öffentlich gezeigt. Denn bei Haus Castillon gibt es einen Unterschied zwischen einem Diener und einem Vertrauten. Elric wurde zu Letzterem.

Die Notiz von Lady Daelena Castillon
Keine Unterschrift — keine offizielle Markierung
„Über Sir Elric Rowan: Beobachtet ihn. Nicht, weil ich ihm misstraue. Sondern weil Männer wie er selten sind. Er hört mehr, als er spricht. Er sieht mehr, als er zeigt. Seine Schwäche ist dieselbe wie seine Stärke: Er fühlt Verantwortung stärker als andere. Ein solcher Mann kann ein Reich schützen. Aber er kann auch daran zerbrechen. Er muss daran erinnert werden, dass selbst ein Schild irgendwann repariert werden muss.
— D.C."

Lady Daelena war vermutlich die erste Person am Hof, die verstand, dass Elrics größte Gefahr nicht ein Feind war. Sondern er selbst.

Der Bericht eines Soldaten
Verfasser: Hauptmann Tomas Veyr — Betreff: Sir Elric Rowan
„Ich habe viele Ritter gesehen. Männer, die laut sprechen. Männer, die ihre Rüstungen polieren, bevor sie in die Schlacht ziehen. Männer, die lieber gesehen werden als kämpfen. Sir Rowan ist anders. Er spricht mit Stalljungen genauso wie mit Lords. Er kennt die Namen der Wachen. Er bemerkt, wenn jemand fehlt. Er bedankt sich bei Männern, die niemand bemerkt.

Einmal fragte ich ihn, warum er sich diese Dinge merkt. Seine Antwort war: 'Weil jeder Mensch wichtig genug ist, dass sein Fehlen bemerkt werden sollte.'

Ich kenne viele gute Kämpfer. Aber wenige gute Männer."
Der ungesendete Brief
Keine Adresse. Kein Siegel. Nur ein Name: Aveline
„Ich habe lange überlegt, ob ich diese Zeilen schreiben soll. Nicht, weil ich keine Worte finde. Sondern weil manche Worte gefährlicher sind als Schwerter.

Ihr habt mich gefragt, warum ein Mann wie ich immer zwischen Pflicht und Freude steht. Die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Vielleicht wurde ich zu lange daran erinnert, was verloren gehen kann. Vielleicht habe ich Angst, etwas zu lieben, das ich nicht beschützen kann.

Ihr wart einer der wenigen Menschen, bei denen ich vergessen habe, wer ich sein muss. Dafür danke ich Euch. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich gehen musste.
— Elric"

Dieser Brief wurde niemals abgeschickt.

Das Schwert von Haus Rowan

In der Chronik von Güldenhof befindet sich ein letzter Eintrag — nicht über einen Sieg, nicht über eine Schlacht, sondern über eine Waffe: das Schwert von Sir Elric Rowan. Keine legendäre Klinge. Kein magisches Relikt. Nur ein gutes Schwert, gefertigt von einem Schmied aus den alten Ländern der Rowans.

Auf der Klinge steht: „Standhaft im Sturm." Auf der Parierstange: „Wahr im Eid." Zwei Hälften eines Versprechens.

Kapitel VI

Die Stimmen um Sir Elric Rowan

„Ein Mann erkennt seinen Ruf nicht daran, was seine Freunde über ihn sagen. Sondern daran, was seine Feinde über ihn erzählen."

In den Hallen von Güldenhof existiert ein Buch ohne offiziellen Titel, ohne Familienwappen — nur eine schlichte schwarze Lederausgabe. Die Archivare nennen es das Buch der Stimmen. Darin: Berichte über jene, deren Weg sich mit dem Sir Elric Rowans kreuzte. Manche loben ihn. Manche fürchten ihn. Alle erwähnen denselben Punkt — er ist schwer zu vergessen.

Ser Garran Voss — Ritter des Hauses Valemont, Rivale

Ein Mann aus altem, angesehenem Haus, ausgebildet in Turnieren, bekannt für Siege — das Gegenteil von Elric. Nach einem Duell zwischen beiden schrieb Garran:

„Ich erwartete einen Mann, der versucht, mich zu beeindrucken. Stattdessen fand ich einen Mann, der versucht, mich zu verstehen. Das macht ihn gefährlicher. Ein Mann, der nur gewinnen möchte, kann vorhergesehen werden. Ein Mann, der seine Pflicht erfüllen möchte, nicht."

Trotz ihrer Rivalität entwickelte sich zwischen beiden ein widerwilliger Respekt. Freunde würden sie nie werden — doch beide wussten: Wenn die Schlacht beginnt, würden sie Seite an Seite stehen.

Hauptmann Tomas Veyr — Waffenbruder und Freund

Einer der wenigen, die Elric wirklich kannten — seine empfindliche Nase, seine schlaflosen Nächte, seine Angewohnheit, Verantwortung für fremde Lasten zu übernehmen. Einmal sagte Tomas zu ihm: „Ihr versucht, jede Mauer selbst zu halten." Elric antwortete: „Wenn ich loslasse, fällt vielleicht jemand anderes." Tomas schüttelte den Kopf:

„Nein, Ser Rowan. Wenn Ihr nie loslasst, fällt irgendwann Ihr selbst."

Seit diesem Tag war Tomas einer der wenigen Männer, die Elric widersprachen. Und genau deshalb vertraute Elric ihm.

Marek der Händler — alter Bekannter von Haus Rowan

Ein alter Mann, grauer Bart, immer nach Leder, Pfeifentabak und Pferden riechend. Er erinnerte sich noch an die Zeit, als Haus Rowan mehr besaß, und sagte über Elric:

„Der Junge trägt die Armut seines Hauses nicht wie eine Last. Er trägt sie wie eine Erinnerung. Vielleicht ist das der Grund, warum er Castillon versteht. Wer einmal wenig besessen hat, weiß den Wert von viel besser."

Marek war einer der wenigen Menschen, die Elric noch mit seinem alten Familiennamen ansprachen. Nicht Sir Rowan. Nicht Gardist. Einfach: Elric.

Lord Varian Drake — Gegner von Haus Castillon

Nicht jeder im Reich bewunderte Haus Castillon. Lord Varian Drake betrachtete es als gefährlich — nicht wegen seiner Armee, sondern wegen seines Einflusses:

„Ein Schwert kann einen Mann töten. Gold kann entscheiden, welcher Mann überhaupt zum Schwert greift."

Er verachtete Castillon — und deshalb beobachtete er Elric. Denn er wusste: Ein Soldat folgt Befehlen. Ein Ritter entscheidet.

Gerüchte am Hof

„Er erkannte einen Attentäter, bevor dieser sein Messer zog."

Wahrheit: Elric bemerkte nur den Geruch eines ungewöhnlichen Öls an dessen Kleidung.

„Lady Daelena vertraut ihm mehr als ihren eigenen Spionen."

Wahrheit: Niemand weiß es. Aber niemand wagt zu behaupten, dass es unmöglich wäre.

„Er verließ eine Dame des Hofes wegen eines einzigen Blickes."

Wahrheit: teilweise. Elric wusste, dass Gefühle manchmal gefährlicher sind als Feinde.

„Haus Rowan wird eines Tages zurückkehren."

Wahrheit: Nur die Zukunft kennt die Antwort.

Letztes Blatt

Vermächtnis

Was von einem Namen bleibt, wenn das Pergament vergilbt.

Manche Ritter werden für einen einzigen Tag der Schlacht erinnert. Sir Elric Rowan wird erinnert für die vierzehn Jahre, in denen kein einziger Tag der Pflicht ihn wanken sah.

Sein Name steht heute in den Wappenbüchern neben jenen, die das Haus Castillon durch die härtesten Winter trugen. Die Archive bleiben offen — für jene, die kommen, um zu lesen, und für jene, die einst kommen werden, um weiterzuschreiben.