Kapitel IV
Die Dienstjahre
„Ein Eid wird nicht gesprochen, um gehört zu werden. Er wird getragen, wenn niemand mehr zuhört."
1203
Geburt als zweiter Sohn von Lord Aldren und Lady Elyse Rowan, in der Stammburg des Hauses Rowan.
Mit 14 Jahren
Beginn der Ausbildung unter Ser Garrick Vayne, Veteran und Waffenlehrer der Familie.
Mit 22 Jahren
Ritterschlag in der Kapelle der Stammburg, im Beisein seines Vaters und Ser Garricks.
Danach
Eid auf Haus Castillon in Güldenhof; Aufnahme in den Dienst von Lord Adrian und Lady Daelena.
Heute
Gardist des Hauses Castillon — wacht über den Frieden hinter dessen Toren und Mauern.
Das erste Jahr in Güldenhof
Als Elric Rowan zum ersten Mal die Tore von Güldenhof durchschritt, erwartete er eine Festung. Er erwartete Mauern. Wachen. Schwerter. Doch was er fand, war etwas anderes.
Güldenhof war keine Burg, die durch Angst regierte. Es war ein lebendiger Organismus. Händler eilten durch die Straßen. Schreiber trugen Kisten voller Verträge. Kaufleute stritten über Preise. Boten aus fernen Ländern brachten Nachrichten über Kriege, Bündnisse und neue Handelswege.
Zum ersten Mal verstand Elric, weshalb Haus Castillon so mächtig war. Nicht wegen seiner Soldaten. Nicht wegen seiner Burgen. Sondern weil jeder Weg irgendwann zu ihnen führte.
Ein alter Verwalter sagte ihm bei seiner Ankunft:
„Junge Ritter glauben, Macht sitzt auf einem Thron. Die meisten merken erst zu spät, dass sie längst an einem Schreibtisch sitzt."
Diese Worte blieben ihm im Gedächtnis.
Der Mann hinter dem Gold
Viele erwarteten, dass Elric Schwierigkeiten mit Lord Adrian Castillon haben würde — ein Ritter aus einem verarmten Haus, ein Mann der alten Werte, im Dienst einer Familie, deren Einfluss auf Münzen und Verträgen beruhte. Doch Adrian überraschte ihn.
Lord Adrian war kein kalter Händler. Er war ein Mann, der Menschen verstand. Er konnte einen Raum betreten und innerhalb weniger Minuten wissen, wer ihn bewunderte, wer ihn beneidete und wer ihn belog. Elric erkannte schnell: Adrian gewann keine Menschen durch Befehle. Er gewann sie durch Vertrauen — eine Eigenschaft, die Elric selbst niemals vollständig besitzen würde.
Während Adrian sprach, beobachtete Elric. Während Adrian Türen öffnete, sorgte Elric dafür, dass niemand durch sie eindrang. Zwei verschiedene Männer. Zwei verschiedene Wege. Doch dasselbe Ziel.
Die Schatten von Lady Daelena
Wenn Lord Adrian das Gesicht Castillons war, dann war Lady Daelena sein Verstand. Viele am Hof unterschätzten sie — ein Fehler, den Elric niemals machte.
Er erinnerte sich an seinen ersten Bericht über eine mögliche Bedrohung für Güldenhof. Er hatte mehrere Tage Informationen gesammelt und legte seine Einschätzung vor. Lady Daelena las den Bericht. Dann stellte sie nur eine Frage:
„Warum möchte dieser Mann, dass ihr glaubt, er wäre euer Feind?"
Elric schwieg. Er hatte den Mann beobachtet. Sie hatte die Absicht dahinter gesehen. In diesem Moment verstand er den Unterschied zwischen einem guten Kämpfer und einem wahren Strategen. Ein Schwert kann einen Gegner besiegen. Verstand verhindert, dass der Kampf überhaupt beginnt.
Der Gardist von Castillon
Elric wurde nicht wegen seines Namens Gardist. Nicht wegen seiner Herkunft. Und nicht wegen politischer Verbindungen. Er wurde gewählt, weil er eine Eigenschaft besaß, die selten geworden war: Er blieb.
Viele Männer wollten die Nähe zur Macht. Viele Ritter suchten Ruhm. Elric wollte sicherstellen, dass andere ihre Geschichten überhaupt erleben konnten. Seine Aufgaben waren unspektakulär: Er überprüfte die Wachen, begleitete wichtige Gäste, überwachte Reisen, sicherte Handelskarawanen. Er stand nachts vor Türen, hinter denen wichtige Entscheidungen getroffen wurden. Und während andere schliefen, blieb er wach.
Die Karawane von Westerfeld
Seine erste wirkliche Prüfung im Dienst Castillons kam nicht auf einem Schlachtfeld. Sondern auf einer Handelsstraße. Eine Karawane mit seltenen Gewürzen, Stoffen und Handelsbriefen sollte nach Güldenhof zurückkehren — ein Auftrag, der zunächst einfach erschien.
Doch wenige Meilen vor der Stadt wurde die Gruppe angegriffen. Nicht von gewöhnlichen Räubern. Die Angreifer kannten die Route, die Anzahl der Wachen, welche Wagen wertvolle Fracht trugen. Elric erkannte: Dies war kein Überfall. Es war geplant.
Statt die Angreifer sofort zu verfolgen, ließ er die Karawane sichern. Einige seiner Männer hielten dies für Feigheit. Doch Elric wusste: Ein Ritter, der blind seinem Zorn folgt, schützt niemanden.
Drei Tage später führte seine Spur zu einem Händler, der selbst Teil des Handelsnetzes von Castillon gewesen war — ein Mann, der glaubte, Gold könne jede Schuld bezahlen. Er hatte vergessen: Gold besitzt nur Macht, solange jemand seine Regeln schützt.
Der Preis der Pflicht
Der Vorfall machte Elric bekannt. Nicht als Held. Nicht als großer Krieger. Sondern als jemand, der Entscheidungen traf. Doch Ruhm brachte auch Erwartungen. Und Erwartungen brachten Last.
Denn Elric begann zu erkennen: Je näher man der Macht kommt, desto weniger Menschen zeigen ihr wahres Gesicht. Freundschaften wurden komplizierter. Gespräche vorsichtiger. Ein Kompliment konnte eine Falle sein. Ein Geschenk konnte eine Forderung enthalten. Ein Lächeln konnte eine Drohung verbergen.
Güldenhof lehrte ihn etwas, das sein Vater nie gekonnt hätte: Im Krieg kämpft man gegen Feinde. Am Hof kämpft man gegen Unsicherheit.
Die Frau aus dem Garten
Unter all den Geheimnissen und Pflichten gab es etwas, das Elric nie vollständig kontrollieren konnte. Sein Herz.
Es geschah während eines Frühlingsfestes in Güldenhof. Eine junge Adlige aus einer befreundeten Familie sprach ihn an — nicht wegen seiner Rüstung, nicht wegen seines Titels, sondern weil sie bemerkte, dass er während des Festes lieber die Menschen beobachtete als im Mittelpunkt zu stehen.
Sie fragte: „Sir Rowan, bewachen Sie immer nur Türen?" Elric antwortete: „Meistens." Sie lächelte. „Dann müssen Sie viele interessante Dinge sehen, die andere verpassen." Es war eines der wenigen Male, dass Elric nicht sofort eine Antwort fand.
Sie verbrachten einige Wochen miteinander. Keine große Romanze. Keine verbotene Liebe. Nur zwei Menschen, die für kurze Zeit vergaßen, welche Rollen sie spielen mussten. Doch am Ende trennten sich ihre Wege. Denn Elric hatte einen Eid. Und sie hatte eine Zukunft, die nicht an einen Gardisten gebunden sein sollte. Bis heute bewahrt er ihren letzten Brief. Nicht aus Hoffnung. Sondern aus Erinnerung.
Der Geruch der Wahrheit
Mit den Jahren lernte Elric, seine ungewöhnliche Schwäche zu verstecken. Seine empfindlichen Sinne blieben jedoch ein ständiger Kampf. Bei Festmahlen musste er oft gegen seinen eigenen Körper ankämpfen: zu starke Parfüms, verdorbene Speisen, schmutzige Kleidung, der Geruch überfüllter Hallen. Manchmal bemerkten andere sein kurzes Zögern. Doch niemand wusste warum.
Ein alter Soldat sagte einmal: „Ihr habt eine seltsame Gabe, Ser Rowan. Ihr bemerkt Dinge, bevor sie passieren." Elric antwortete: „Manchmal wäre es einfacher, sie nicht zu bemerken."
Der Mann, der er wurde
Heute ist Sir Elric Rowan weder der große Held aus alten Liedern noch der mächtige Lord, den Barden besingen. Er besitzt kein riesiges Land. Keine Armee. Keine Reichtümer. Doch er besitzt etwas, das Haus Rowan immer bewahren wollte: seinen Namen.
Unter den Dienern Castillons gilt er als zuverlässig. Unter den Soldaten als fair. Unter den Höflingen als schwer einzuschätzen. Denn niemand weiß genau, was in seinem Kopf vorgeht. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke.
Archivmeister Corvin Hale, Güldenhof
„Sir Elric Rowan ist kein Mann, der nach Ruhm sucht. Das macht ihn gefährlicher als jene, die danach verlangen. Denn ein Mann ohne Hunger nach Anerkennung kann Entscheidungen treffen, die andere nicht wagen."
„Haus Rowan verlor seine Ländereien. Es verlor seinen Reichtum. Es verlor seinen Einfluss. Doch manchmal verliert ein Haus alles, nur um herauszufinden, was niemals verloren gehen durfte. Ein Name. Ein Eid. Eine Pflicht."
— Aus den versiegelten Chroniken von Haus Castillon